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Hoffnung und partizipative Demokratie

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Content Was Always My Favorite Colour
Wähle jetzt schwarz, rot, grün, braun, gelb, grau,
lila: Das Mitbestimmungsrecht des Individuums in der
repräsentativen Demokratie ist im Regelfall beschränkt.
Man geht alle paar Jahre ins Wahllokal und setzt ein
Kreuz in eine vorgegebene Matrix ein.

(Schwerpunkt aus node 10)

Jeder Wahlberechtigte hat eine Stimme, weswegen erst
einmal von Wahlgerechtigkeit gesprochen werden kann.
Doch spätestens, wenn man sich zum Beispiel für eine der
großen deutschen Volksparteien entschieden haben sollte,
die eine Nicht-Mehrwertsteuererhöhung ankündigt, oder die
andere, die zwei Prozent ankündigt, und in gemeinsamer
Sache drei Prozent Erhöhung vereinbart werden, erweist
sich die Beteiligung an der Entscheidungsfindung als
nahezu nichtig, die Einflussnahme des Bürgers auf die
parlamentarische Demokratie unmöglich.

Fakt ist: Die Ausübung der Politik bleibt stets
einer kleinen politischen Elite vorbehalten. Kritik an dem
vermeintlichen Freiheitsgedanken der repräsentativen
Demokratie macht sich breit. Nicht erst seit Neuem: Bereits
seit den 60er Jahren gibt es Bemühungen, die Idee einer
partizipativen, also wahrhaftig teilnehmenden Demokratie
zu verbreiten.

Im Kapitalismus hindert vor allem der Korporatismus (man
bedenke nur die Managementstrukturen in großen Firmen,
Lobbys, Verbände und Struktur der Massenmedien)
die direkte Teilnahme der Massen. Die repräsentative
Demokratie, entstanden durch Formierung von sozialen
Klassen, Industrialisierung und Verstädterung, hatte
so lange ihren „Sinn“, wie die massenhafte Teilnahme
an Entscheidungen technisch nicht direkt möglich war.
Jetzt erlauben die „evolutionären Errungenschaften“ der
Technologie eine Partizipation aller, über oligarchisch-elitäre
Strukturen hinaus. Der Soziologe Heinz Dieterich spricht
von einer „direkten Demokratie mit elektronischem Plebiszit
bei transzendentalen Entscheidungen“ – die „telepolis“
sozusagen. War die griechische Polis weitestgehend
partizipativ demokratisch (Frauen, Sklaven, Ausländer
natürlich ausgeschlossen), aber eben lokal, ist das globale
Dorf universal – es muss eben nur noch partizipativ
demokratisch, die stellvertretende (im Pessimalfall
substitutive) Entscheidung überwunden werden.

Erste Beispiele, wie elektronische Entscheidungen der Vielheit
die tradierten Entscheidungen übertreffen können,
gibt es bereits: Wikipedia versus Encyclopedia: Das stetig
wachsende Wörterbuch im Internet ist mittlerweile in ihrer
Vielfalt die umfangreichste Ressource für Wissen weltweit.
Wiki ist zum einen für jedermann verfügbar und zum anderen,
weitaus wichtiger, für jedermann partizipierbar. Kürzlich
wurde bekannt gegeben, dass vom Gehalt her Wikipedia
mit der Encyclopedia Britannica gleichgezogen habe.
Die oligarchische Intelligenz, die Entscheidung durch eine
geistige Elite, wird durch eine smarte Masse ersetzt: Die
Académie Francaise mit ihren „vierzig Unsterblichen“
repräsentiert das kulturelle Kapital Frankreichs und arbeitet
seit Jahrzehnten an einem gigantischen Wörterbuch.
Während hier noch ganze Buchstaben fehlen, bringt es allein
das englische Wiki auf fast 1,3 Millionen Einträge. Mit Auto-
Korrekturfunktion: Die ersten Kritiken, die posts seien nicht
glaubwürdig oder es würden bewusst Falschinformationen
verbreitet, müssen dadurch relativiert werden, dass
gerade durch das basisdemokratische Prinzip stetig
Verbesserungen, Modifikationen und Ergänzungen getan,
Fehler also sehr kurzfristig auch wieder korrigiert werden.

Das in der letzten Ausgabe vorgestellte Prinzip
des Crowdsourcing funktioniert auch hier – im Sinne eines
intelligent crowdsourcing mit einer Vision, nicht einer
Anweisung, als „Eingabe“: Die Masse ist voller Spezialisten
und Fachleuten, die alle ein eigenes Interesse daran
besitzen, durch Partizipation all die Dinge zu optimieren, die
die eigenen Lebensbereiche betreffen. Der Internetbrowser
Firefox ist mittlerweile einer der erfolgreichsten,
open source-Projekte hinlänglich bekannt. Und auch hier ist
es eine große Community, die daran teilhaben kann, was
und wie etwas hinsichtlich der Optimierung geschieht.
Fehlerbehebungen sind daher zeitnaher als sonst.
Diskussionen mit den Machern des Programms bieten nicht
nur ein Zugehörigkeitsgefühl, sondern schaffen auch ein
Produkt, welches den User als Mittelpunkt hat.
Doch partizipative Demokratie will wesentlich mehr:

Sie umfasst die Gesamtheit der Gesellschaft, nämlich
Ökonomie, Politik, Kultur und Militär sowie die mediale
Dokumentation. Letztere muss zunächst einmal revolutioniert
werden, fordert Wikipedia-Begründer Jimmy Wales: In
seiner Campaigns Wikia wird gegen die existierenden
Formen der Politik und ihrer Darstellung gewittert. Ziel
dieser Kampagne ist, sich selber zu aktivieren um gegen
die medialen Systeme, welche einer Freiheitsbeschneidunggleichen,
angehen zu können.

„Broadcast media tells you what to think and doesn’t let
you get involved. It’s time to focus on what you need,
what you care about, and the messages you want to get
out”, heißt es dort. Man meint
dies in poplinken Diskursen schon seit langem zu hören.
Und es entbehrt nicht einer gewissen Naivität, mag man
zunächst denken. Doch: Die Zeichen der Zeit sind andere.
Die Blogospäre und das Internet hebeln viele klassischen
Informationslieferanten aus. So war dies mit flickr während
des Irakkriegs zu erkennen und nun in Videoform über den
Nahost-Krieg zwischen Israel und Libanon auf YouTube
zu verfolgen. Zweifler fügen diesbezüglich häufig an,
dass so allzu viel Propagandamaterial vertrieben werden
könne. Aber eins wird hier allzu gerne übersehen. Die
Masse ist nicht dumm, zumindest nicht so dumm wie die
Massenmedien einen verkaufen mögen. Propaganda und
Gewaltverherrlichung wird in der Regel als solche erkannt
und besprochen. Die Kommunikation über das Gepostete
tritt in den Vordergrund. Die Möglichkeiten, sich als Einzelner
in die magischen Kanäle einzubinden, sind also vielfältiger
und potenter als bislang.

Längst haben dies sogar die Nachrichtenagenturen erkannt
und entwickeln „affiliate programs“, um hochfrequentierte
blogs mit ihrem Content zu beliefern, weil sie Angst haben,
ihre Funktion als vierte Gewalt im Staat zu verlieren – keine
uncharmante Vorstellung übrigens. Andersherum bieten
nämlich Portale wie blogburst.com Zeitungen an, Blog-
Einträge für ihre Ausgaben zu verwenden. Konnte man
also bislang maximal auf Abdruck eines Leserbriefs hoffen,
könnte die Zeitung (auf welchem Datenträger, Papier, digital,
was auch immer sie vorliegen würde) von morgen eine
fundierte Abbildung von Meinungen einer Vielheit sein.
Und – das wäre vielleicht sogar ein Fortschritt –
diese Vielheit hätte Gesichter. An diesem Punkt entzündet
sich nämlich die derzeitige limit of the crowds-Kritik an
Massenprojekten wie Wikipedia: Sie sind anonym, der Autor
ist „tot“, Beiträge werden um- und überschrieben, was
nicht nur zu Lasten der textlichen Stringenz, sondern vor
allem der Transparenz geht. Der Computerwissenschaftler
und Futurologe Jaron Larnier vergleicht die Einträge in
das Online-Wörterbuch in seinem Essay Digital Maoism
mit Graffitis, die quasi Kunst seien, ohne den Absender
bzw. Künstler preiszugeben, also keine Verantwortung,
Möglichkeit einer Rücksprache oder Information
übernähmen. Er fordert: „We have to make sure digital
culture encourages responsible mature individuals as well
as collective market judgments. I think blogs do, Wikipedias
don’t.“

By Ji-Hun Kim 2006-09-20 ·

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