
Die Pressestimmen sind einstimmig. Von Besucherrekorden war zu lesen. 17 000 an der Zahl. 817 Aussteller aus 55 Ländern und und und. Fakten und Zahlen sind mal wieder Indikator für die gute Stimmung. Ganz nach dem Motto „Die mageren Jahre sind vorbei“ präsentiert sich die Musikbranche mit einem leicht nach Amphetaminen duftenden, wieder reanimiertem, Selbstverständnis. Die Stände sind wohl wieder größer geworden. Poppiger, vermeintlich peppiger.
Universal strahlt mit einem großen Globus aus gebogenen Holzlatten.Yahoo Music, dieses Jahr zum ersten Mal vertreten, kommt mit einer in die Berliner Messehallen inkorporierte All-American BBQ-Party. Leider ohne Grill, aber mit Kunstrasen, 60er Jahre Caravan, Holzzäunen, Gartenmöbeln, labbrigen Hot Dogs und blondem, vollbusigem Standpersonal. Alles schön bunt und heimelig. Selbst die Digitalen der Branche berufen sich wohl auf den gemütlichen Schrebergarten-Catch-Up. Ebenso das Label Camp. Viel Holz und Rasenimitate. Gerade der recht zentral gelegene Forcetracks-Stand wirkte in dem Surrounding von Baumarkt-Biertischen ein wenig deplaziert. Das mag sich, der dort verweilende, recht gelangweilt schauende Standmensch auch gedacht haben. Der popmoderne Diskurs von Deleuze, Postmoderne und Mille Plateaux wird auf der weltgrößten Musikmesse in ihre ästhetischen Schranken verwiesen. Bittersüß. Neben den positiven Resümees und glücklichen Stimmen der Macher und Offiziellen fiel vor allem der recht hohe Bierkonsum und die gesteigerte Zahl der Tischkicker auf. Bloß nicht an Arbeit denken, will man meinen. Ein leicht inkonsistentes Bild zwängt sich da auf. Schmeckt irgendwie alles wie der dort reichlich ausgeschenkte Prosecco in Dosen. Wie eine Bratwurst für 5 Euro. Wie ein ausgetretener Kaugummi wieder in die Packung gequetscht. Wie ein „authentischer“ Rockact mit 1.0-Abschluß aus der Popakademie Mannheim. Aber was reden wir hier. Es geht ja immerhin ums Business!

Der Kongress, wo Expertenpanels in einem straffen Zeitplan Polonaise tanzten, wertete den ganzen Trara leider nicht wirklich auf. Kernthemen: Mobile, IPTV und …. selbstverständlich Web 2.0. Aha! Die FAZ schrieb passenderweise: „Popkomm ist Myspace aus Backstein“. Wenn dieser Kommentar sich zwar auf das Festival in der Kulturbrauerei bezog, trifft es den eigentlichen Punkt ziemlich exakt. Musik, vor allem Popmusik spielt sich heute im Internet ab. Und so groß und divers dieses aufkommende Universum ist, so schwierig ist es, dies in den Fittichen der wenigen großen Kulturindustriellen zu halten. Bildlich gesprochen: Wäre der Eierspeicher des Universalgebäudes wirklich mit Eiern gefüllt, haben wir jetzt den Zustand, dass die Eier kaputt sind. Die Suppe fließt gemächlich in die Spree. Was bleibt ist, die wenigen Reste herauszusieben, um zumindest zu versuchen, nun Eierkuchen an die Frau zu bringen und das Häuschen sauber zu halten. Oder das Gammelfleisch aka CD neu verpackt umzuwerten. Reaktionismus ist und bleibt Reaktionismus.
Dennoch wird fleißig über die Möglichkeiten der neuen Vermarktung, wie z.B. über Myspace, diskutiert. Hinsichtlich der Frage bezüglich des Mediendispositivs, welches zentraler Ausgangspunkt der Musikindustrie ist, muss man feststellen, dass überlegt wird wie man einen konkreten Act im Web 2.0 positionieren kann. Angenehmer wäre allerdings festzustellen: Myspace ist die Musikindustrie! Leider ist dies noch nicht der Fall. Aber man weiß ja wie schnell sich die Dinge ändern können. Da aber selbst die Mutter aller Social Networks mittlerweile der Inflation zum Opfer gefallen ist und obszöne Webcam-Shows und verbreitete Virenspams die große Runde machen, stellt man fest, dass die Kernkompetenz eines Social Networks, ein minimales Vertrauen in ein Medium, sich allmählich unter Murdoch’scher Hand nivelliert. Zwar wurde noch romantisch auf dem Kongress behauptet, dass Myspace ja nichts anderes wäre als der gute Brieffreund aus früheren Jahren. Aber die Wirklichkeit sieht dann doch ein bisschen anders aus. Und überhaupt: Wer will sich mit Tausenden von wirklich schlechten Musikern, deren zahlreiche Freundschaftsangebote man bekommt, ernsthaft auseinandersetzen? Und was soll das noch heißen? „Du bist mein Freund.“ Popkomm ist mein Freund. Sony ist mein Freund. VIVA ist mein Freund. Janet Jackson ist mein Freund. Ich bin OK. Du bist OK.
